BY Martin Vetterling |

Wintersonnenwende

Kaum merklich hat die Sonne
ihren tiefsten Punkt überwunden
und sich über Nacht
dem Frühling zugewandt.
Die Tage werden lichter.

Heute Morgen bin ich in Hundescheiße getreten,
und da es Glück bringt,
wenn man in Hundescheiße tritt,
habe ich sie im ganzen Auto verteilt.
Ich nahm sie mit zur Arbeit
und zeigte sie den Kollegen:
„Guckt mal – Glück!“
Und sie sahen das Glück
und konnten es kaum fassen,
und weil man sagt,
dass es sich verdoppelt,
wenn man es teilt,
trug ich es in die Stadt
und brachte es
unter die Menschen.

Ich verteilte es unter den Bedürftigen,
wusch ihre Füße im Überfluss,
senkte den Blick
und segnete ihre Namen,
gebenedeit seid ihr unter den Lebenden.
Ich ließ etwas am Elbufer zurück
und an der Alster,
unter den Kolonnaden,
in Fußgängerzonen
und in den dichten Wäldern,
wo es nach Moos riecht
und nach nasser Rinde,
auf unbefestigten Wegen,
wo Pärchen knutschen
oder Händchen halten.

Die ganze Stadt strahlte vor Glück.

Im Osten sang ein Muezzin,
vielleicht jodelte auch ein Bayer,
so genau kann ich das nicht sagen,
und im Westen, über den kahlen Kronen der Bäume,
rollte Gott sein himmelblaues Hemd nach oben
und drückte eine knallrote Brustwarze
ans goldene Fenster
des Sonnenuntergangs.

Die Tage
werden Lichter.