BY Martin Vetterling |

Die Heilige Schrift

Die Türen und Fenster haben Wände,
morgen ist auch noch kein Tag,
und wo vor Urzeiten
die Kontinente
aufeinanderprallten,
hat die Kälte
einen Nistplatz erschaffen,
aus dem mit eisblauen Krallen
der Winter greift.

Es wird eine Zeit des Umbruchs
und der tiefen Trauer geben,
ein neuer Heiland muss gekreuzigt werden,
sein Haar wird lang sein
oder raspelkurz,
er wird Tattoos tragen
und die Wundmale Jesu,
und noch am Kreuz wird er
seinen Namen tanzen:
Er wird mit T beginnen
(alles Weitere müsste man raten),
ein neues Zeitalter bricht an
und für sich
nur alle paar Zeitalter an,

doch wenn sie die Nägel
durch seine Knochen treiben
und die Lanze seine Achsel sticht,
dann rollt sein Blick in einen leeren Himmel,
und er wird sagen:
Elvis oder Freddie oder Kurt,
warum habt ihr nicht mehr Alben hinterlassen,
und am Deckenfresko
der Sixtinischen Kapelle
wird Gottes Finger
die E-Gitarre Adams streifen,
und Tage später
wird der Mythos
seiner Auferstehung umgehen,
es wird Wahrheit sein
und Dichtung,

und in den Wänden werden Fenster sein und Türen,
morgen ist auch noch dein Tag,
und wo die Kontinente
das nächste Mal
aufeinanderprallen,
wird die Zukunft
einen Proberaum erschaffen,
aus dem die Hydra
einer E-Gitarre
doppelhalsig
in den Sommer greift.