BY Martin Vetterling |

Requiem für eine Cocktailbar
oder: No more Solero

Wenn wir diesen ehrwürdigen Raum
heute betreten
und uns Geschichten wie Getränke
über den Schoß schütten,
dann ist es vielleicht das letzte Mal,
dass wir in dieser Runde
zusammensitzen.

»Früher warst du ja eher …
Aber dann, als wir dich kennenlernten …
Erinnerst du dich, als …
Und, sag mal,
weißt du noch … ?«

Einen ganzen Abend lang verweilen wir
trinkfest in der Zeit.
So macht das Leben Spaß.
Es sitzt zwischen uns,
hat die Beine um den Barhocker gewickelt,
liegt mit dem Gesicht auf dem Tresen
und kriegt nichts mehr mit.

Während es schläft,
bestellen wir vertraute Cocktails
bei vertrauten Augen,
nehmen die Gläser aus vertrauten Händen entgegen
und führen sie
zu vertrauter Musik
vertrauten Lippen zu.
Hier ist alles so …
mir fällt das Wort nicht ein.

Irgend wann hebt das Leben
den Kopf vom Tresen,
wischt sich mit dem Unterarm
ein bisschen Spucke und Kotze vom Mund
und wird redselig.

»Alles, was anfängt, endet auch«,
lallt es,
»und alles, was endet,
fängt woanders neu an,
und eines Tages
treffen sich der Anfang
und das Ende
und das, was dazwischen war, und …«

Plötzlich steht es auf und geht weiter.
Das Leben geht immer weiter.
Nur heute nicht.
Heute nimmt es sich ein Taxi.