BY Martin Vetterling |

Der Große Wagen

Während sich über mir
still
der nachtblaue Himmel wölbt
und die Sterne
ihr violettes Licht
zur Erde strahlen,
frage ich mich,
welche Augen
deine sind.

Wahrscheinlich, denke ich,
sitzt du mit Oma
auf dem großen Wagen,
ihr lasst euch von Sissi
durch den Himmel kutschieren,
ich sehe sie vor mir:
Weiches Hufgetrappel
auf schwarzem Samt,
in den Spitzen ihrer Mähne
funkelt es wie Tau,
und ihr Schweif streift träge
durch den Weltraum:
Sternschweif.

Mit der linken Hand führst du die Zügel,
mit der rechten hältst du Oma:
Deine Wange in ihrem Haar,
ihre Hände auf deinem Schoß,
und in deinem Mundwinkel
die Tabakpfeife, in der noch schwach
die Glut glimmt.
Du hast deinen Hut auf.

Denkt man sich den Himmel weg,
könnte es eine Kutschfahrt
am Abend sein:
Sand und Steine knirschen leise
zwischen Rädern,
die sich langsam vowärtsdrehen,
gelegentlich ein Ächzen
aus der alten Achse
und im saumseligen Wechsel
das Tipp-Tapp
der Hufe.

Vielleicht fahrt ihr
entlang der Wiesen,
wo wir damals im Sommer
zwischen Mückenschwärmen, Fliegen und Libellen
mit der Sense Gras geschnitten haben,
ganz in der Nähe von der Holzbrücke,
die einen flachen Bogen
über die Schwinge spannt.
Manchmal haben wir beide
da oben gestanden, die Ellenbogen
auf dem Geländer aus gekreuzten, weißlackierten Pflöcken,
den Kopf voller Gedanken
und der Blick
auf dem Wasser.

Manchmal stehe ich heute noch
auf der Brücke,
die Ellenbogen auf dem Geländer,
von dem inzwischen
die Farbe blättert.
Unter mir schwankt das Sternbild im Wasser,
ich sehe den großen Wagen,
und irgendwo im Silberlicht,
das der Mond
über die Wiesen schüttet,
höre ich die Kutsche knarzen und ächzen
und gezogen von langsam klopfenden Hufen
davonfahren.